
Die Arbeit in meinem Orchester ist vorbei. Am Ende fragt man sich wohl immer, habe ich meine tausend Ideen, meinen Idealismus umgesetzt? Ich habe vieles angefangen, ausprobiert, bin leider oft an mir oder dem kolumbianischen Alltag gescheitert. Es gab immer wieder schwierige Zeiten, in denen ich frustriert und antriebslos war oder Angst hatte, im Dunkeln in Siloé auf den Bus zu warten. Aber letztlich überwogen die schönen Tage, vor allem in der letzten Zeit. Ich war richtig im Projekt eingearbeitet, konnte Verantwortung übernehmen, kannte alle Kinder und konnte mit den Kindern auch auf musikalischer Ebene kommunizieren. Die Kinder haben mich und ich die Kinder geliebt. Musik kann die Welt verändern. Beethoven hat das schon zur seinen Lebzeiten erkannt, ich in diesem Jahr. Nicht sofort, aber mit der Zeit habe ich gemerkt, was die Musik aus den Kindern macht und ihnen für Kraft gibt. Aus Kindern, die kaum eine Zukunft haben. Aus Kindern, die in Gewalt leben. Ein Kind hat mir erzählt, sein Vater sei Auftragsmörder und wenn er später nichts besseres findet, wird er es auch. Aus Kindern, die normalerweise auf der Straße und vor dem Fernseher rumhängen, Drogen nehmen und verdummen. Doch die Orchesterkinder geben ihre Freizeit auf, um von Montag bis Samstag jeden Nachmittag in das Projekt kommen und bleiben, bis es dunkel wird. Die Kreativität der Kinder wird gefördert, sie sind aufgeweckter, fröhlicher, kritischer und lernen einfach friedlich miteinander umzugehen. Die Kinder bekommen sogar die Möglichkeit, aus dem Slum zu kommen, die Stadt Cali kennenzulernen oder in anderen Städten in Kolumbien zu spielen. 4 Kinder haben sogar ein Stipendium für eine Musikhochschule bekommen und werden vielleicht im nächsten Jahr eine Konzertreise mit dem Orchester de Valle nach Italien machen. Es ist einfach ein großartiges Projekt der Fundacion SIDOC.
Umso trauriger war die letzte Woche. Die Verabschiedung von mir und dem Musikstudenten und Lehrer in dem Projekt Edinson, der selbe aus dem Slum Siloé kommt und ein Stipendium für ein Studium in der USA bekommen hat. Ich habe etwas auf der Gitarre gespielt, Edinson auf der Violine zusammen mit dem Orchester. Zum Schluss schenkten uns die Kinder viele kleine Dankeskarten und andere Kleinigkeiten. Einige Kinder weinten. Und immer die Fragen an mich: Warum gehst du? Was machen wir jetzt ohne dich? Wer gibt uns jetzt noch Klavier und Gitarrenunterricht? Wer ist jetzt noch so geduldig mit uns?
Am letzten Tag haben wir noch einen Verabschiedungsausflug ins Schwimmbad. Es war gleichzeitig der pädagogische Ausflug des Orchesters für den Monat Juni. Jeden Monat gibt es als Belohnung für die Kinder einen Ausflug. Einmal haben wir zum Beispiel Karten für das russische Eiskunstlaufstaatsbalett geschenkt bekommen. Vorher war ich sehr skeptisch, ob mir und vielmehr den Kindern 2 Stunden Ballett taugen könnten, doch es war eine beeindruckende Vorstellung. Die traumatisierten Kinder von Siloé, die nie stillhalten können, schauten dem Spektakel mit offenen Mündern zu. Auch der jetzige Ausflug ins Schwimmbad war sehr schön. Ich spielte den ganzen Tag mit den Kindern Fußball und tobte mit ihnen im Wasser. Und plötzlich war er vorbei. Mein letzter Tag mit den Kindern.
Ich habe oft am Wochenende gearbeitet, sodass mir eigentlich 2 ½ Monate Urlaub zu stehen. 2 Wochen habe ich dem Orchester geschenkt, den Rest werde ich jetzt durch Kolumbien, Peru und Ecuador reisen, die Kaffeeezone, die Karibik und den Urwald kennenlernen. Ende August kehre ich dann nach Cali zurück, um meinen Entsendeverein Schule fürs Leben bei der finalen Planung und Durchführung des 1. Internationalen Festival des Bambus auf der Welt zu helfen. Aber zumindestens einen Tag werde ich die Kinder im Orchester besuchen. Ich habe es ihnen versprochen.
































